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  Interview I

Fragen von Dr. Karl Lehmann (Berliner Kultur-Woche) an Eberhard Kloke

Das Interview wurde am 5.6.2003 in Berlin geführt
 
   


Karl Lehmann: Die deutsche Theaterlandschaft solle unter den Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes gestellt werden, fordert die Grünen-Abgeordnete Vollmer. Stimmen Sie dem zu?

EK: Das zeigt, dass sich Kulturverständnis von Politik und die Wirklichkeit von Programm und Produktion unserer Theater auf einem level bewegen.

Karl Lehmann: Ist die Krise der Musik-Kultur nur eine Krise ihrer Institutionen, so wie die Krise des Sozialstaates nur eine Frage von Reformwillen oder Reformverweigerung ist, oder gibt es hier einen tieferen inhaltlichen Kern, eine kreative Leerstelle an sich?

EK: Die Krise der Institution dringt vor allem bei der Nicht-Mehr-Finanzierbarkeit an die Öffentlichkeit, die inhaltliche Krise besteht schon länger... anders gesagt: Das Theater als Kunstform behauptet sich zwischen den Gravitationsfeldern Inhalt-Interpretation und Öffentlichkeit-Rezeption. Wenn Theater also eine repräsentative Kunstform ist, Repräsentation als Übertragung einer Gesellschaft in den Bühnenraum, ist die kommunikative Essenz des Theaters seine Voraussetzung. Wo erleben wir heute diese kommunikative Bedeutungs-Funktion eines Theaters, eines Festivals, eines Klangkörpers?

Karl Lehmann: "Das Treffen..." ist gewissermaßen ein Manifest der Anfänge, eine Orgie des Beginnens in vielfältigen Brechungen, in immer erweiterten Fragestellungen. Welche Antworten gibt es jenseits des Kaiserquartetts?

EK: Die Antwort ist die immer wieder offen gestellte Frage an das WAS der Musik, das WARUM der Szene, das WOHIN mit der eigenen Rezeption!
Das Kaiserquartett wurde immer zum Sendeschluss im Rundfunk gespielt, hier lädt es ein zum Finale eines offenen, künstlerisch-programmatischen Schlagabtauschs.

Karl Lehmann: Im Kern des Projektes, den Bausteinen Monteverdi/Sciarrino - Wagner/Cage und Mahler/Berg/Mahler, geraten Fragen von Keimzelle und Vision, Experiment und Zerfall, Konzentration und Exaltiertheit in den Blickpunkt. Gibt es einen anderen, allgemeineren Kern in Ihrem Projekt?

EK: Der Kern ist durchaus "politischer" gemeint als es die Gegenüberstellungen von alt-neu und neu-alt vermuten lassen. Können wir denn mit Musik und Kunst noch Fragen stellen, programmatische Reizpunkte schaffen, Spannungsbezüge von Programm und Raum herstellen, Orte und Räume theatralisch "besetzen", neue Hör-Orientierungspunkte setzen?

Karl Lehmann: Wie funktioniert bei Ihnen "Programm"? Da sollen Sie ein Projekt in Telgte machen, verbinden bildungsbürgerlich damit den Grass`schen Text, lesen... und legen dann los in wilden kreativen Schüben: Schütz, Frieden, 1648, Reise... . Können Sie mir einen Einblick in die Werkstatt ihrer programmatischen Selbstfindung geben oder ist dies nur wortlose Intuition!

EK: Ach wissen Sie, programmatische Selbstfindung hat weniger mit Intuition als mit Arbeit, Recherche und Überzeugungsanstrengung zu tun... .
Ich finde den Grass`schen Ansatz, angesichts (damaliger?) politisch desolater Gesamtsituation den Künstlern sozusagen ein Friedensmanifest "unterzuschieben", also die Stunde Null mit Mitteln der Literatur, Kunst und Musik zu beginnen, mutig und spannend zugleich. Es reizt, einen heutigen Bezug zu Politik, Raum-Landschaft und Programm-Realität zu definieren und in ein praktisches Projekt umzusetzen.

Karl Lehmann: Dieses Projekt hat nicht einmal ein Kammerorchester mit Namen, sondern nur noch ein Team. Das Ensemble als Netzwerk von Musikern erscheint prototypisch als Abkehr vom Personen- bzw. Namenskult, als extremer Rekurs auf eine vermeintliche Inhaltlichkeit. Ist ihr Rekurs auf die Idee von musik-netz-werken, wie Sie es auf Ihrer Internetseite www.musikakzente.de darstellen, aus der Not oder aus der Sache geboren?

EK: Wäre die Inhaltlichkeit "vermeintlich", also vorgeschoben, könnten man die diversen Künstler und Mitarbeiter dieser Provenienz nicht für solch ein Unternehmen begeistern und gewinnen. Das eigentlich Spannende ist die Loslösung aus den Schablonen des Musikbetriebes (Orchester, Chor, Sänger-"dramatischer "Koloratursopran bis "Kavalierbariton", hier Kunst - da Verwaltung) und die damit verbundene Verantwortlichkeit und Motivation jedes Einzelnen für das Ganze!

Karl Lehmann: Sie arbeiten jetzt seit 5 Jahren außerhalb von Institutionen. Was sind Ihre wesentlichen Erfahrungen als künstlerischer freelancer?

EK: Haupterfahrung ist sicher der kreative Umgang mit Zeit, desweiteren die Möglichkeit, "Unmögliches" - und das heißt in diesem Fall "Nicht-Institutionelles" zu denken, auszuformulieren und in eine neue Realisierungs- und Projektebene zu "spinnen". Die Erfahrungen sind sicher sehr unterschiedlich, da die Wahrnehmungsperspektive eine andere geworden ist, man betrachtet die Kunst-Produktionsstätten sicher viel kritischer und bewegt sich gleichzeitig auf glattem Terrain, mit jeder freien Produktion das "Eigentliche" formulieren und (er)klären zu müssen....die Frage 1 sollte in diesem Zusammenhang sicher noch klarer und schärfer beantwortet werden!

Karl Lehmann: Die meisten Musiker haben wenig Ahnung von Tendenzen in anderen Künsten. Architekten, Maler oder auch Videokünstler verstehen auf der anderen Seite weder etwas von Musik noch haben sie eine Ebene der Verständigung mit Musikern. Anders gesagt: Musik ist in aktuellen Kunstproduktionen erschreckend unterbelichtet, weil sie als produktive Kunst, jedenfalls in Deutschland, nicht wahrgenommen wird. Wie kommt die Musik als lebendige Kunst heraus aus dem Teufelskreis von Isolation und Selbstreferenzialität, wie kann Musik als Kunst wieder einen Stellenwert jenseits musealer Kulinarik à la Baden-Baden erlangen?

EK: Ihrer Einschätzung kann ich grosso modo zustimmen, da sich eben alle Kunstsparten oder Künste "geschlossen-hermetisch" verhalten. Man bräuchte also ein Aufeinanderzugehen und Zuhören auf allen Seiten... Da dies nicht zu verordnen ist, zumal auch das Fehlen grenzüberschreitender Produktionen überhaupt nicht wahrgenommen zu werden scheint, kann nur durch überzeugende Gegenentwürfe und passable Produktionen etwas bewegt werden....
Das von Ihnen ins Feld geführte, neuere internationale Festspiel ist geradezu ein Parade- und Musterbeispiel für die Verkommenheit unserer kulturpolitischen Sitten in der Verbindung von repräsentationslüsternem Größenwahn und eklatantem Defizit an Programmatischem. Die unausgesprochene Allianz von sogenannten Mäzenen, Wirtschaftlern, Politikern, Musikverantwortlichen und Publikum sorgt augenfällig für den inhaltlich-programmatischen Ausverkauf und deckt den eigentlichen Zustand der SZENE auf.

Karl Lehmann: Während Sie Ihre Programme realisieren, verhungern mehrere 1000 Kinder in Afrika. Das, was Sie machen ist elitär, kopflastig, teuer und bar aller Nachhaltigkeit, so die Stimmen von Kritikern. Ist das in diesem Zusammenhang zu rechtfertigen?

EK: Kunst muss elitär sein und bleiben, um etwas zu bewegen, das gegenseitige Ausspielen von Sozialem und Kulturellem erinnert mich an die Kulturdebatte vergangener Tage!

Karl Lehmann: Einer Ihrer Programmfolgen scheint zu behaupten, dass mit der Bearbeitung "The Answered Question" die Fragen von Ives "Unanswered Question" erledigt seien. Haben Sie mit diesem Stück nun endlich abgeschlossen?

EK: Das Stück beschäftigte mich schon, bevor die eigentliche Ives-Renaissance in den 80er Jahren begann. Es zeigt sehr eindrucksvoll, dass die wesentlichen inhaltlichen Fragen immer die gleichen sind und bleiben, jedoch immer unterschiedlich beantwortet werden müssen, um in die Zeit zu passen und um auf die aktuellen Fragen Bezug zu nehmen.


 



























  
   




  
   


           
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